Impressionen Nordseeküste© TA.SH / Max Wiecanowski

10. April 2020

Sa­gen­haf­tes Schles­wig-Hol­stein

Draußen pfeift der Wind ums Haus, dicke Regentropfen prasseln ans Fenster, das tobende Meer färbt sich weiß von der Gischt. Mich überkommt ein Schauder. In solchen Momenten erscheint mir das Meer besonders mächtig. Vielleicht liegt das nicht zuletzt an den vielen maritimen Mythen und Sagen, die heute noch ihr Publikum unterhalten – und oft auch gruseln.

Die versunkene Stadt Rungholt

Viele Legenden ranken sich um Rungholt, das "Atlantis des Nordens", und ihren Untergang. Fest steht: Die reiche Handelsstadt auf der ehemaligen Insel Strand im nordfriesischen Wattenmeer gab es wirklich. Das senkt aber nicht den Gruselfaktor. Im Gegenteil! Warum die Sturmflut im Jahr 1362, auch "grote Mandränke" genannt, die Stadt und ihre Bewohner mit sich gerissen hat, wird in vielen Geschichten zu erklären versucht. War es eine Strafe Gottes für die Gotteslästerlichkeit der Stadt? War es der Pfarrer, der nachdem er von Rungholtern genötigt und verprügelt worden war, Gott um eine Bestrafung der Sünder bat? An Erklärungen für das Übel mangelt es nicht. Bereits Theodor Storm griff 1872 auf den Legendenstoff zurück und band ihn in seine weniger bekannte Novelle "Eine Halligfahrt" mit ein. Viele Schriftsteller und sogar Regisseure machten es ihm nach.

Überreste der versunkenen Stadt, die immer noch gefunden werden, können im Landesmuseum von Schleswig-Holstein, im Nissenhaus in Husum und im Rungholtmuseum Pellworm begutachtet werden.

Der Rote Haubarg in Witzwort

Nicht weit von der einstigen Handelsstadt entfernt, auf der Nordseehalbinsel Eiderstedt, trug sich ein ebenfalls rätselhaftes Ereignis zu. Und zwar genau dort, wo heute der berühmte Rote Haubarg steht – ein mächtiger historischer Bauernhof mit Reetdach.

Der Legende nach stand an dieser Stelle ursprünglich ein armeseliges Bauernhaus, dessen Bewohner, ein armer Bauer, in die Tochter des reichen Schmieds verliebt war. Diese erwiderte seine Gefühle. Dann ist doch alles super, denkt ihr euch? Nicht ganz. Der Schmied wollte seine Tochter nicht an einen Mittellosen versprechen. Das wollte der Bauer nicht auf sich sitzen lassen und schloss einen Pakt mit dem Teufel: Wenn der Teufel ihm vor dem ersten Hahnenschrei ein stattliches Haus mit einhundert Fenstern errichten könnte, dann würde der Bauer dafür seine Seele hergeben.

Das ließ sich der Teufel nicht zweimal sagen und baute unerwartet schnell den Haubarg. Der Bauer bekam es mit der Angst zu tun und flüchtete zu seiner Geliebten und deren Mutter. Diese schnappte sich geistesgegenwärtig einen Hahn und schüttelte ihn, bis er krähte. Noch nie hatte dieses Krähen so viel Erleichterung verbreitet, denn auf diese Weise rettete sie im letzten Moment die Seele des Bauern: Der Teufel hatte gerade das 99. Fenster eingesetzt. Er musste also sein unvollendetes Werk zurücklassen und wieder zur Hölle fahren. Aber damit nicht genug, denn wie gehört es sich für ein Happy End? Es gab eine Hochzeit und das Paar lebte glücklich zusammen bis ans Ende seiner Tage. Übrigens: Das heutige Museum und Restaurant zählt tatsächlich genau 99 Fenster. Alle Versuche, ein 100. Fenster einzubauen, sind der Legende nach gescheitert. Die Scheiben zerbrachen immer in derselben Nacht.

Eulenspiegelstadt Mölln

Doch nicht nur an der Nordsee gibt es Mythen und Sagen. Im Herzogtum Lauenburg, genauer gesagt in Mölln, wird ein ehemaliger Bürger noch heute mit gebührendem Respekt geehrt. Ob er wirklich existierte, weiß man nicht. Die Rede ist von Till Eulenspiegel.

96 Geschichten gibt es über den Bauernsohn, der sich mit seinen Streichen, einfach, aber wirksam, für ungerechte Behandlungen rächte. Der Narr nahm nicht nur die Befehle und Wünsche seiner jeweiligen Dienstherren wörtlich. Er prangerte insbesondere die maroden Zustände der spätmittelalterlichen Gesellschaft an, selbst vor dem bestechlichen Adel und der Kirche machte er nicht Halt.

Laut der ältesten Ausgabe des Eulenspiegelbuches von dem Schriftsteller Hermann Bote (1467-1520) wurde Till Eulenspiegel im Jahr 1300 in Kneitlingen bei Braunschweig geboren und ist im Pestjahr 1350 in Mölln gestorben. Dort soll er auf dem Kirchberg begraben liegen, wo heute auch ein Gedenkstein zu finden ist. Doch auch im Rest der Stadt hat Eulenspiegel jede Menge Spuren hinterlassen: Das Eulenspiegel-Museum, die Eulenspiegel-Linde, den Eulenspiegel-Brunnen, daneben gibt es einen „Till Eulenspiegel“-Darsteller und nicht zuletzt hat Eulenspiegel an einigen Orten der Stadt kleine „Gemeinheiten“ versteckt. In 2021 stehen wieder die alle drei Jahre stattfindenden Eulenspiegel-Festspiele auf dem Programm. Wer nicht so lange warten möchte, lauscht den unterhaltsamen Geschichten im Podcast

Geschichte der Hanse in Kiel

Nur wenige Menschen wissen, dass Kiel einmal zum Reigen der Hansestädte gehörte. Leider waren die Kieler sehr „gastfreundlich“ und es bildete sich ein regelrechtes Piratennest. Kiel ist deshalb ziemlich schnell wieder aus der Hanse geflogen. Mit der mittelalterlichen Veranstaltung „Kieler Umschlag“ wird an diese Geschichte erinnert und sie wird als Volksfest thematisch aufgegriffen.

Na, hat euch das Sagenfieber gepackt? Weitere Legenden findet ihr hier.  

Mitarbeiterin der TA.SH Sina Syroka, © Frank Peter

Autor: Sina Syroka

... ist ein Nordlicht durch und durch. Ob ausgiebiger Strandspaziergang mit frischer Brise oder entpannte Radtour mit Badepause am See, sie liebt das Wasser. Und das ist im einzigen Bundesland mit zwei Küsten nie weit entfernt.