Friedrichstadt, © TA.SH© TA.SH

3. Juli 2015

KREATIVE KÖPFE UND DAS ZWEITE GESICHT DER STADT

Kategorien: Aktiv, Essen & Trinken, Kultur, Shopping, Nordsee, Städte

Unser Bummel durch Friedrichstadt führt uns entlang der historischen Häuser, über Grachtenbrücken und vorbei an vielen kleinen Geschäften. Die Düfte von Tee, Kaffee und Schokolade vermischen sich zu einem Aroma des Genießens und der Vielfalt. Naschereien, Handarbeiten, Deko-Schätze und vieles mehr gibt es hier zu entdecken.

In der Stapelholmer Schuhbox dürfen wir holländische Holzschuhe und bunte Clogs anprobieren. Während sich unser Damentrio in den farbenprächtigen Anblick der neuen Sandalenkollektion vertieft, gehen Bürgermeister und Ladeninhaber lieber auf einen Schnack vor die Tür. Offenbar wissen beide, was passiert, wenn Frauen ein Schuhgeschäft betreten….

In der Stapelholmer Schuhbox gibt es echte holländische Klompen (Holzschuhe), © TA.SH© TA.SH

Nicht nur für Schuhliebhaber, sondern vor allem für Künstler ist Friedrichstadt ein inspirierender Ort. In mehr als einem Dutzend Ateliers und Galerien präsentieren Künstler aus der Region hier ihre Bilder und Objekte. An einem der Kanäle stoßen wir auf ein Outdoor-Atelier mitten im Grünen, wo man Künstler bei der Arbeit sieht.

In der Galerie von Thomas Freund, einem der bekanntesten Maler aus Nordfriesland, werden wir schon erwartet.

Der Künstler selbst gibt gerade einen Malkurs auf Sylt, aber seine Frau zeigt uns seine Werke: Landschaftsbilder, die das außergewöhnliche Licht und die Natur Nordfrieslands einfangen, daneben farbenprächtige Stilleben von Quitten, Glasmurmeln und Hühnern. Wer sich etwas von der Atmosphäre dieser Urlaubsregion mit nach Hause nehmen möchte, wird hier garantiert fündig.

Das kreative Zentrum für die Bürger der Stadt liegt fast nebenan. In einem leer stehenden Haus ist das offene Projektbüro „Theorie + Praxis“ untergebracht, wo engagierte Bürger in Workshops Ideen für die Zukunft der Stadt entwickeln. Beim Wettbewerb „Zukunftsstadt“ hat Friedrichstadt die erste Runde gewonnen. „Bis zum nächsten Jahr entsteht hier ein Konzept für die Weiterentwicklung der Stadt“, erläutert Eggert Vogt.

Dabei geht es zum Beispiel um Ideen, wie man den Leerstand von Geschäftshäusern sinnvoll nutzen kann. In das Projektbüro darf jeder einfach hereinkommen und sich mit seinen Einfällen beteiligen. Wir sind beeindruckt von diesem Projekt und drücken Friedrichstadt die Daumen für die nächste Runde des bundesweiten Wettbewerbs!

Ein paar Schritte weiter liegt die neue Galerie „Sinn und Freude“ des Künstlerpaares Jennifer und Frank Timrott. Hier gibt es etwas ganz Besonderes: Kunstobjekte aus Treibholz mit aufgeprägten maritimen Bildern. Jedes Objekt ist auf der Rückseite mit einem Zertifikat versehen, das die genauen Koordinaten des Fundortes verrät – was für ein originelles Souvenir für Nordseefans!

Kleine Kunstobjekte aus Treibholz verkauft die Galerie “Sinn und Freude”, © TA.SH© TA.SH

Im angeregten Gespräch mit Jennifer Timrott kommen wir schnell auf ein ernstes Thema: Die Plastikverschmutzung des Meeres. Auf ihren Streifzügen sammelt und fotografiert die Künstlerin bergeweise Plastikmüll an den Stränden der Nordseeküste und der Halligen. Im Verein „Küste gegen Plastik“ betreibt sie zusammen mit anderen Küstenbewohnern Aufklärungsarbeit und setzt sich dafür ein, umweltfreundliche Verpackungen zu etablieren und den Plastikmüll zu verringern. Gleichermaßen fasziniert und nachdenklich verlassen wir schließlich die schicke kleine Galerie – Zeit für eine Pause.

Auf der natürlich mit Rosen bepflanzten Terrasse der Holländischen Stube mit Blick auf die Gracht stärken wir uns bei zart gebratenem Thunfisch, hauchdünnen Flammkuchen, frischen Matjes und Krabben für die geplante Bootstour durch die Kanäle der Stadt. Bei herrlichem Sommerwetter ist das der beste Pausenplatz.

Doch bevor wir uns nach einem ausgezeichneten Essen wieder auf den Weg machen, dürfen wir uns das fast 400 Jahre alte Kaufmannshaus von innen ansehen. Mit eingezogenen Köpfen erklimmen wir die knarrenden Holzstiegen. Inhaberin Michaela Friese zeigt uns stolz ihre original Delfter Wandfliesen und den Alkoven, in dem früher fünf Menschen hockenderweise übernachtet haben sollen. Nur ein paar Meter daneben steckt eine Kanonenkugel in der Holzwand. Sie stammt aus dem deutsch-dänischen Krieg um 1850, der in der Stadt viele Spuren hinterlassen hat. Von Auseinandersetzungen ganz anderer Art zeugt ein kreisrundes Loch im Dielenboden der ersten Etage: Damit soll sich die frühere Hausherrin einen Durchblick nach unten in die Geschäftsräume ihres Ehemannes verschafft haben, den sie wegen seiner Schäkerei mit anderen Damen unter ständiger Beobachtung hatte. Kaum zu glauben, wieviel Geschichte und Geschichten es in dieser kleinen, beschaulichen Stadt zu erkunden gibt!

Ein historisches Lagerhaus in der Holländerstadt, © TA.SH© TA.SH

Die Sommerhitze hier im Herzen Nordfrieslands hat mittlerweile mediterrane Ausmaße erreicht – umso mehr freuen wir uns auf die Grachtenfahrt. Beim Bootsverleih Kunterbunt besteigen wir ein kleines, elektrobetriebenes Boot und lassen uns vom vielseitig begabten Bürgermeister durch die Kanäle schippern. Erstaunlich, wie anders die kleine Stadt von der Wasserseite aussieht! Gemächlich gleitet unser Boot zwischen Seerosen vorbei an unzähligen Anlegestegen. Wir spähen in die üppig grünen Gärten entlang der Grachten, bewundern herrliche Sonnenterrassen auf den Bootsstegen und verspüren fast ein wenig Neid auf die Menschen, die in dieser schönen Umgebung leben. Durch die Stille auf dem Wasser perlt das Lachen von ein paar Kindern herüber, die mit einer Luftmatratze im Kanal plantschen. Auf den breiteren Wasserwegen begegnet uns ein voll besetztes Grachtenboot mit Urlaubsgästen, hier und da sehen wir ein paar Paddler und Angler.

Der Weg zum Hafen führt uns unter einer echt holländischen Klappbrücke hindurch. Ein paar halbwüchsige Jungs üben sich im Turmspringen von den Brückenpfeilern. „Kein Respekt vor dem Bürgermeister“, schmunzelt das gutmütige Stadtoberhaupt kopfschüttelnd. Sein Schild mit der Aufschrift „Springen von der Brücke verboten – der Bürgermeister“ haben die Jugendlichen wohl einfach übersehen. Doch Eggert Vogt bringt so leicht nichts aus der Ruhe – und damit ist er der ideale Repräsentant für diesen Ort, der auch uns mit einer wohltuenden Gelassenheit erfüllt.

Schifffahrt in Friedrichstadt, © TA.SH© TA.SH

Voller Eindrücke, Geschichten und Anekdoten klettern wir nach unserer Rundtour aus dem Boot und nehmen Abschied von der wunderschönen Holländerstadt in Nordfriesland. Aber ganz bestimmt kommen wir bald wieder, denn es gibt hier noch vieles zu erkunden.

Autor: Vivien Rehder